Vision Zero als Formel wurde erstmals vom amerikanischen Chemieunternehmen DuPont verwendet. Seit fast 200 Jahren lautet die erfolgreiche Firmenphilosophie, dass jeder Unfall vermeidbar ist. In den Werken DuPonts ist Vision Zero heute praktisch Realität geworden.
In Schweden wurde die Idee zur Vision Zero speziell für den Strassenverkehr entwickelt. 1997 verabschiedete das schwedische Parlament das Konzept Vision Zero, wodurch Verkehrssicherheit zum politischen Thema wurde.
Vision Zero bedeutet, das Strassenverkehrssystem sei so zu gestalten und zu betreiben, dass bei dessen Benützung keine Menschen mehr schwer oder tödlich verletzt werden. Dieser Ansatz
- basiert auf dem ethischen Grundsatz der körperlichen Unversehrtheit. Tote oder schwer Verletzte werden im Strassenverkehr – ähnlich wie in der Luftfahrt oder bei der Bahn - grundsätzlich nicht mehr akzeptiert. (Die Bundesverfassung definiert das menschliche Grundrecht für die Schweiz wie folgt: Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen [Art. 7]. Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit [Art. 10.2].) Ferner
- geht er von den menschlichen Leistungsgrenzen und den möglichen Fehlern von Menschen aus, und
- führt somit zum sogenannten Paradigmawechsel, wonach der Strassenverkehr so zu gestaltet ist, dass menschliche Fehler keine schwerwiegenden Folgen haben. (In der Industrie, im Bahn- und Luftverkehr gilt dies längst als selbstverständlicher Sicherheitsstandard.) Konsequenterweise ist das System Srassenverkehr dem Menschen und seinen physischen und psychischen Grenzen anzupassen – nicht umgekehrt. Dies
- impliziert, dass die Verantwortung für das Funktionieren des Systems Strassenverkehr nicht mehr nur dem Benützer obliegt, sondern auch dem Betreiber, d.h. dem Staat und den Behörden, welche die technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen verfügen. Fehler müssen toleriert und im System so eingeplant werden, dass sie nicht zu schweren Verletzungen der Verkehrsteilnehmer führen.
Mit Vision Zero werden hohe Ziele gesetzt; diese sind aber nicht als utopisch oder illusionär zu betrachten. Denn hinter den anonymen Zahlen der Unfallstatistik stehen Schicksale: Alle fünf Minuten ereignet sich auf Schweizer Strassen ein Unfall. Dabei sterben jährlich nahezu 400 Menschen. In Europa sind es rund 70‘000. In den Industrieländern stehen Verkehrsunfälle bei den Schwerverletzten und Getöteten an zweiter Stelle. Nur Krebskrankheiten bei Personen unter 45 Jahren bergen ein höheres Todesrisiko.
Unfälle im Strassenverkehr verursachen nicht nur Leid, sie kosten die Schweizer Volkswirtschaft zudem jährlich 6,5 Mia. Franken; das ist mehr als die Hälfte der Ausgaben, die insgesamt durch Unfälle verursacht werden. Strassenverkehrsexperten, Behörden, Politiker und die bfu suchen nach neuen Lösungen zur Erhöhung der Sicherheit. In diesem Sinn hat die bfu 1999 die Idee der Vision Zero aufgegriffen.